Mein erstes Barcamp: Kirche online

Der erste Beitrag auf dem neuen Blog handelt von einem ersten Mal. Meinem ersten Barcamp. Am vorigen Wochenende war ich beim Barcamp Kirche online – West, veranstaltet und durchgeführt von der lippischen, rheinischen und westfälischen Landeskirche. Ohne konkrete Erwartungen bin ich hingefahren und auch ohne konkrete Ergebnisse oder Lösungen wieder zurückgekommen und doch waren die zwei Tage unheimlich spannend, lehrreich und inspirierend.

Ein Barcamp, wie die Veranstalter zu Beginn noch einmal erklärten, ist eine Un-Konferenz. Außer Zeiten und Räumen ist nichts vorgegeben, die Teilnehmer erwartet zu Beginn ein leerer Zeitplan, die einzelnen Workshops bzw. Sessions ergeben sich aus Angeboten und Wünschen der Mitmachenden. So kann jeder und jede, der/die mag, einen Vortrag halten, eine Diskussion anstoßen oder ein Problem schildern und gemeinsam mit anderen nach Lösungen suchen. Fest steht auch: Man duzt sich gegenseitig und sucht und findet sich schon bald auch in den sozialen Medien, in denen das Barcamp unter dem Hashtag #bckirche intensiv begleitet und auch von „außen“ interessiert verfolgt wird.

Es ist ein bisschen wie ein Familientreffen, der Ausspruch fiel mehr als einmal, denn er passt. Ich kannte tatsächlich nur eine Handvoll Leute, von einigen mehr immerhin schonmal ihren Twitternamen (twitter handle), und auch wenn viele andere schon deutlich besser vernetzt sind und es viele freudige Wiedersehen gab, fühlte man sich auch als Neuling nicht „außen vor“. Die Stimmung war die gesamte Zeit über locker und entspannt, auch in intensiv geführten Diskussionen, weil alle irgendwie auf einer Wellenlänge zu schwimmen schienen. Nicht zuletzt ist es völlig normal, dass jeder und jede ständig sein Smartphone in der Hand hält – ein Barcamp ist wohl eine der wenigen Situationen, in denen permanente Smartphonenutzung sozial völlig akzeptiert ist.

Das schwerste (neben der Entscheidung, ob es ein Schoko-, Blaubeer- oder Apfelmuffin zum Kaffee sein soll – die Verpflegung war absolut großartig) war die Wahl der Sessions und nicht selten fanden verschiedene interessante Themen zur selben Zeit statt. Einige Sessions wurden aber auch live gestreamt und sind jetzt noch auf YouTube verfügbar, sodass man im Nachhinein noch virtuell die Gelegenheit hat, diese auch noch einmal zu verfolgen. Ich habe, finde ich, eine gute Mischung sehr verschiedener Arten von Sessions und Themen besucht, die alle auf ihre Weise interessant waren.

Los ging’s für mich mit der @pressepfarrerin und ihrer Session „Was mache ich, wenn’s schief geht?“ zum Thema Krisen-PR, auch und vor allem in den sozialen Medien. Ihr guter Rat, auf den in einer akuten Situation wahrscheinlich niemand von ganz selbst kommt: Wenn’s soweit ist, trinkt erst einmal einen Tee und sprecht ein Gebet. Weitere gute Tipps: Mit allem immer den Kopf und das Herz der Adressaten ansprechen – und im Zweifel ist das Herz, sprich die emotionale Ebene, noch einmal wichtiger – und sich selbst, trotz Krise, Limits und Grenzen setzen, bspw. bis abends 20 Uhr und dann erst nach dem Frühstück wieder Mails und Kommentare beantworten.

In der zweiten Session drehte sich alles um Informationssicherheit – ein Begriff, der mir gar nicht so ganz klar war, der aber von Hagen Bauer mit Leben gefüllt wurde. Informationssicherheit ist mehr als Datenschutz und geht weit über Firewall und Antivirensysteme hinaus bzw. fängt schon viel früher an. Alle Kirchengemeinden müssen ein IT-Sicherheitskonzept haben, er gab Tipps, wo man Musterkonzepte und Hilfestellung bekommen kann. Nach dem Mittagessen saß ich staunend in der Session von Christoph Breit, in der er die von ihm verwendete Technik und Software zum Live-Streaming von Landessynoden, Gottesdiensten und anderem vorführte und erklärte. Anschließend lernte ich von Hanna Jacobs und Kirsten Graubner, was das Raumschiff Ruhr eigentlich ist und macht. In der Marktkirche mitten in der Essener City will es vor allem jungen Erwachsenen Raum geben, zum Ankommen, zum Ausprobieren, zum miteinander Reden, Glauben, Kirche sein. Im November, wenn ich zum zweiten Teil des Volontariatskurses wieder zwei Wochen lang täglich in Essen bin, werde ich dort sicherlich einmal vorbeischauen und mir das Ganze „in echt“ ansehen .

„Drei Herausforderungen für Glaubenscommunity in einer digitalisierten Gesellschaft“ nannte sich die nächste Session und wirkt der Titel unter Umständen ein wenig trocken, die Session war es ganz und gar nicht. Glaube und Glaubenskommunikation braucht Vertrauen und entsteht nicht durch Zwang, das erläuterte Tobias Sauer ganz anschaulich unter anderem so: Natürlich könne man Vater Unser und andere biblische Texte auswendig lernen. Aber Glaube entstehe davon genauso wenig wie man nach dem Auswendiglernen von „Harry Potter“ zaubern könne. Am Samstagabend wurde in der Session mit Natascha Luther zum Thema „Online und offline – wie verbinde ich das“ kräftig ge-netzwerkt. „Ich bin übrigens die hinter den Social Media-Kanälen der UK“ und „ja, den Newsletter vom Kirchenkreis, den mache auch ich“ – Fazit: Vernetzung ist immer hilfreich, um Informationen möglichst breit zu streuen, über analoge und digitale Kommunikationskanäle gleichermaßen.

Am Sonntag war noch Zeit für drei Sessions und gleich die erste hatte es in sich: Digitale Kirche – Begriffserklärung und Perspektive oder „was ist eigentlich digitale Kirche?“. Die Frage hatte auch ich mir schon öfter gestellt und natürlich konnte sie nicht abschließend beantwortet werden. Zwischen „digitale Kirche ist analoge Kirche mit digitalen Hilfsmitteln“ und „digitale Kirche ist eine eigenständige Form von Kirche im digitalen Raum“ verschwimmen vielleicht auch manchmal die Grenzen und die Diskussion führte schnell zu grundsätzlichen Fragen, so zum Beispiel, ob und wenn ja welche Kasualien (Taufe, Hochzeit, usw.) digital möglich sind, ob man in einer digitalen Kirche eigentlich noch Pfarrpersonen braucht und (wie) man in der digitalen Kirche Kirchensteuern zahlt?

Digitale Souveränität war das Thema der zweiten Session: Sollte die Kirche im Sinne ihres Bildungsauftrages diese zu vermitteln versuchen, ähnlich wie Repair-Cafés vielleicht digitale Cafés anbieten? Hat sie die dafür notwendige Kompetenz oder sollte man erst einmal „den eigenen Laden in Ordnung bringen“? Zum Abschluss gab es noch eine eher handfeste Session „Instagram für Halbwissende“ in der die besten Tipps und Tricks für eine gelungene Instagram-Nutzung für Kirchengemeinden und andere Organisationen ausgetauscht wurden.

„Konntest du etwas mitnehmen?“, wurde ich am Montagmorgen im Büro gefragt. Die Antwort lautet: ja. Nicht unbedingt (nur) in Form von Anleitungen, wie Dinge umzusetzen sind, nicht in konkreten Ergebnissen und Lösungen. Aber neue Perspektiven, inspirierende Gedanken und Denkanstöße, viele tolle Begegnungen und immer wieder die Erkenntnis, dass es noch (viele) andere gibt, die ähnlich ticken und mit ähnlichen Problemen kämpfen. Und das ist doch eine ganze Menge. Der Termin des nächsten Barcamps im Westen (mittlerweile gibt es ein Barcamp Kirche online in jeder Himmelsrichtung in Deutschland) steht auf jeden Fall schon in meinem Kalender.

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