Geschenkte Zeit

Ich war im Urlaub. Nein, keine drei Monate lang und das war nicht der Grund, warum es hier so lange so still war (ist?). Aber ich hatte Sommerurlaub, (knappe) zwei Wochen, im Zelt, wie ich es mir gewünscht und vorgenommen hatte – sobald ich hier wieder zu mehr Speicherplatz gekommen bin, werde ich auch Fotos zeigen – und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass mich diese Auszeit irgendwie auch in den Wochen danach noch trägt.

Das klingt jetzt so leicht esoterisch angehaucht und so bin ich eigentlich überhaupt nicht drauf. Aber Tatsache ist: Nachdem in der ersten Woche „zurück“ noch irgendwie alles doof war – bei der Arbeit war’s schwierig, der Urlaub zu kurz, das Wetter kalt und nass und absolut un-sommerlich – fühlte und fühle ich mich in der zweiten und auch aktuell in der dritten Woche nach-dem-Urlaub geradezu tiefen-entspannt. Und das beste und mir absolut unbekannte Gefühl ist das von „ich habe Zeit“.

Zeit. Zeit habe ich sonst eigentlich nie. Zumindest meine ich das immer. Oder es fühlt sich so an. Da komme ich nach Feierabend nach Hause, denke schon unterwegs auf dem Rad an meine to-do-Liste und im Kopf kreist nur „du musst, du musst, du musst“. Dieses machen, jenes erledigen, putzen, kochen, eigentlich auch mal wieder stricken/lesen, hier noch anrufen, dort noch etwas regeln.

Im Moment ist das anders. Im Moment komme ich nach Hause und denke „du hast ja Zeit“. Natürlich gibt es eine to do-Liste, natürlich muss ich trotzdem kochen, putzen, Wäsche waschen – ich brauche meine Routinen, sonst würde ich erst Recht nicht glücklich. Und trotzdem ist da dieses Gefühl von Zeit. Nicht einmal das Kochen und anschließende Spülen und Küche aufräumen erscheint mir wie der große Berg, der mich den ganzen Abend beschäftigen wird, wie es sonst oft der Fall ist. Nein, im Gegenteil, in den letzten Tagen bin ich damit sogar oft erstaunlich früh fertig gewesen. Und hatte dann wieder dieses Gefühl von ‚Zeit‘. Wow, erst halb neun, der Abend fängt ja gerade erst an.

Geschenkte Zeit. So fühlt es sich an. Ich schaffe alles, was zu erledigen ist, befülle Facebook-Seiten (wobei mir da zugute kommt, dass aktuell nicht allzu viel zu befüllen ist), ich backe, ich habe sogar endlich – nach viel zu langem Nicht-Melden – wieder einmal meine Oma angerufen und: ich lese. Die Abende, an denen ich den Laptop aka Fernseher eingeschaltet habe, kann ich an einer Hand abzählen. Stattdessen bin ich seit dem Urlaub im absoluten Lesefieber, freue mich jeden Tag auf die Sofazeit am Abend mit Buch. Am Sonntag habe ich drei Stunden im Hof gesessen und gelesen. In den letzten vier Wochen habe ich vier Bücher gelesen und wage es aktuell fast nicht, das nächste zu beginnen, damit ich davon am Wochenende auf der Zugfahrt auch noch etwas habe.  Ob das Lesen das Geheimnis meiner Tiefenentspannung ist?

So ganz kann ich allerdings die anderen Gedanken doch nicht verdängen: Ob ich nicht produktiveres mit meiner Zeit anstellen könnte, als sie mit Lesen zu vertun. Ob ich nicht zu viel von der Welt verpasse, wenn ich „nur“ auf meinem Sofa sitze und lese. Dass ich gerade ja doch ziemlich vereinsame – außer mit den Arbeitskollegen eigentlich kaum mit irgendjemandem spreche.

Über den letzten Punkt denke ich tatsächlich am meisten nach, denn ich kann nicht leugnen, dass ich hier in Dortmund noch nicht viele Bekanntschaften gemacht habe. Nur: wie lernt man in einer fremden oder neuen Stadt Leute kennen? Ich gehe zum Sport (wenn auch – dank Arbeit, Verletzung nach Fahrradsturz und Urlaub/Ferien schon seit einigen Wochen nicht mehr), aber das ist zumindest dort, wo ich hingehe, doch eher eine anonyme Veranstaltung. Ich gehe zum Chor, der allerdings zum einen in den Ferien auch nicht stattfand und wo ich, mit einigen wenigen anderen, zum anderen auch den Altersdurchschnitt erheblich senke. Alles andere wird kommen und muss sich zeigen.

Und weil ich sicher bin, dass dieses Gefühl der geschenkten Zeit irgendwann von ganz selbst wieder verfliegt, will ich es für den Moment einfach festhalten. Und schaffe es ganz gut, alle anderen Gedanken zumindest in den Hintergrund zu drängen. Koche mit Spaß statt nur aus Pflichtbewusstsein bzw. Hunger. Sitze abends mit einem Glas Wein im Hof und beobachte Sterne (leider keine Sternschnuppen). Lese ein Buch nach dem anderen und tauche in ganz unterschiedliche Welten. Und genieße das Gefühl, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und zu wissen: Ja, es gibt einige Dinge, die zu tun sind – und dann ist da trotzdem noch Zeit vom Abend übrig, um schöne Dinge zu tun.

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