Gelesen – I/II 2020

Was historisches, ein englischer und ein deutscher Krimi und eine Autobiografie – meine Lektüre in diesem Jahr war bisher recht abwechslungsreich. Ich hatte ja angekündigt, meine gelesenen Bücher nicht mehr monatlich, sondern in größeren Blöcken hier vorzustellen. Heute nun also die Lektüre des ersten Halbjahrs 2020.

Man hätte meinen können, ich sei in den vergangenen Monaten mehr zum Lesen gekommen. Vielleicht gilt das für andere, aber ich habe die mehr-Zeit nicht so sehr zum Lesen genutzt, wie ich das hätte können. Tatsächlich habe ich mich allerdings auch ziemlich lange mit einem der Bücher aufgehalten, dazu später mehr.


Elizabeth George: Playing For The Ashes

Bantam Books

Ein Cottage in einem Dorf in Kent. Eine junge Frau, Gabriella Patten, wohnt dort – aber der Tote, den der Milchmann bei einem Blick durch’s Fenster im Wohnzimmer entdeckt, ist ein Mann. Nicht irgendein Mann, sondern der Star des englischen Cricket-Teams, Kenneth Fleming. Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder, von denen er jedoch schon in Scheidung lebte – seine Frau und sein Sohn sind nur zwei von vielen möglichen Tatverdächtigen, die DI Thomas Lynley und DS Barbara Havers bei ihren Ermittlungen ausfindig machen. Von der Bewohnerin des Cottages, Gabriella Patten, über seine Besitzerin, Miriam Whitelaw bis zu den Teamkollegen von Fleming – quasi jeder, der Fleming kannte, scheint ein Motiv zu haben.

Ein weiterer Handlungsstrang erzählt von Olivia und Chris, die mit einer Schar an Haustieren auf einem Hausboot leben. Welche Rolle die beiden für die andere Handlung spielen, wird auf wirklich großartig spannende Weise Seite um Seite ein wenig klarer, bis zum Höhepunkt am Schluss. Ein weiterer Roman von Elizabeth George, der alle Anforderungen an einen „pageturner“ absolut erfüllt. Es ist toll, bei „Lesebedarf“ einfach jederzeit zu einem weiteren Band dieser Reihe greifen und wissen zu können, dass man nicht enttäuscht werden wird.


Seymour M. Hersh: Reporter

Allen Lane

Diese Autobiografie des Investigativ-Journalisten Seymour Hersh war ein Geburtstagsgeschenk meiner Kollegen. Er erzählt hier auf 330 Seiten (jedenfalls in der englischen Ausgabe) von seinem Leben und vor allem seiner Arbeit. In seinem Vorwort schreibt er, er sei „aufgewachsen im goldenen Zeitalter des Journalismus, als Reporter von Tageszeitungen nicht mit den rund-um-die-Uhr-NAchrichtensendungen im Fernsehen konkurrieren mussten, Zeitungen noch Werbeinnahmen generierten und ich frei war, jederzeit aus jedem Grund überallhin zu reisen, mit der FIrmen-Kreditkarte in der Tasche“.

Geboren 1937 und aufgewachsen in Chicago, arbeitet sich Hersh über kleine Tageszeitungen und Presseagenturen bis zu seinem ersten Job in Washington Mitte der 60er-Jahre. In den folgenden Jahrzehnten schreibt er für verschiedene Zeitungen und Magazine, veröffentlicht mehrere Bücher und deckt die Kriegsverbrechen in My Lai (Vietnam) auf, schreibt über den Watergate-Skandal, die geheime Bombardierung Kambodschas, den Abhörskandal in der CIA, 9/11 und Abu Ghraib, den Irak-Krieg, die Tötung Osama bin Ladens und den Krieg in Syrien, um nur einen Ausschnitt zu nennen.

Es war für mich nicht immer ganz leicht zu folgen, wenn die meisten Ereignisse, mit denen Hersh sich beschäftigte, maximal Thema in meinem Geschichtsunterricht waren, aber auch dann nur selten aus amerikanischer Perspektive. Und zugegeben: Gelegentlich nahmen seine Schilderungen etwas selbstherrliche Züge an – wenn er zum wiederholten Male beschreibt, mit welcher Mühe er Zeugen ausfindig macht oder wie er nicht verstehen konnte, dass seine Reporter-Kollegen Aussagen der US-Regierung nicht weiter hinterfragten. Aber vielleicht gehört das zu einer Autobiografie auch einfach dazu.

Spannend war es aber tatsächlich, aus der Innenperspektive über diese Art des Journalismus zu lesen, die man heute mehr aus Filmen kennt als dass man ihre Produkte zu lesen kriegt. Und definitiv dürfte diese Arbeit durch Globalisierung und Digitalisierung heute einfacher sein: Wenn man Hershs Beschreibung davon liest, wie er ein Camp der amerikanischen Armee durchstreift auf der Suche nach dem Offizier William Calley, (mit-)verantwortlich für das Massaker in My Lai, dann wundert einen jetzt nicht mehr unbedingt, dass nicht jeder Journalist diese Mühen auf sich nahm.


Caroline Llewellyn: Die verborgene Geschichte

btb

Zwischendurch brauchte ich von der Hersh-Biografie mal eine Pause. Da war „Die verborgene Geschichte“ genau das richtige, das ich aus dem heimischen Bücherregal vor der Mülltonne rettete. Liebesgeschichte, Krimi, irgendetwas dazwischen oder alles in einem: Der Roman erzählt von Jo, die nach dem Tod ihres Mannes mit ihrem Sohn aus Kanada nach England kommt, um das Cottage ihrer Großmutter im Dorf Shipcote zu besichtigen. Nicht nur macht sie innerhalb weniger Tage Bekanntschaft mit quasi allen anderen Dorfbewohnern, sie erfährt auch von dem Verbrechen, das sich viele Jahre zuvor in dem Cottage abgespielt hat. Mithilfe alter Unterlagen und einem Roman, den ihre Großmutter schrieb, aber nie veröffentlichte, löst sie dieses Rätsel. Nebenbei verliebt sie sich auch noch in den Nachbarn und natürlich steht am Ende die Frage: Bleibt sie in Shipcote oder geht sie zurück nach Toronto?

Der Klappentext sagt, die Kriminalromane von Llewellyn würden in eine Reihe mit denen von Elizabeth George gestellt. Dazu kann ich nur sagen: Ich habe „Die verborgene Geschichte“ gerne und innerhalb kurzer Zeit gelesen, aber an Elizabeth Georges Bücher reicht es bei weitem nicht ran. Es mag natürlich auch an der Übersetzung liegen, aber die Sprache ist mir oft zu schlicht, zu plump, zu einfach, die Charaktere haben weniger Tiefgang und – Kriminalroman? Naja, klar, es geht auch um ein Rätsel, um ein Verbrechen, aber fast genauso viel Raum nimmt „zwischenmenschliches“ ein. Für mich war das eher eine Lektüre, bei der man nicht viel nachdenken muss, die ich mir z.B. gut für einen Urlaub oder Sommerabende vorstellen kann.


Wolfgang Hohlbein: Die Templerin

Wilhelm Heyne Verlag

Nach „Die Päpstin“ und die „Die Kastratin“ jetzt also eine weitere Frau im „Männergewand“. Ich mag prinzipiell historische Romane sehr, dieser hat mich aber eher wenig gefesselt.

Es beginnt schon damit, dass der Klappentext gar nicht zum Inhalt des Romans passt: In Friesland im 12. Jahrhundert beobachtet Robin als junges Mädchen einen Überfall auf ihr Dorf, bei dem die meisten Dorfbewohner und auch ihre Mutter getötet werden. Auch sie selbst wird zum Opfer der Männer, die sich als Tempelritter ausgeben, und wird mit durchgeschnittener Kehle vor der Komturei der Tempelritter abgelegt, wo sie von dem Tuareg Salim gefunden und gerettet wird. In der Komturei wird sie behandelt und kommt wieder zu Kräften – natürlich ist eine Frau bzw. ein Mädchen in den Reihen der Tempelritter „gegen die Regeln“, doch da ihr außerhalb der festen Mauern Gefahr droht, kann sie bleiben. Während Salim ihr das Reiten und den Umgang mit Waffen beibringt, stellt sich heraus, wer hinter dem Überfall auf das Dorf steckt und weshalb das Verbrechen den Tempelrittern zugeschoben werden sollte.

Auch „Die Templerin“ ist eine schnelle Lektüre für zwischendurch. Allerdings keine, die mich nachhaltig beeindruckt hätte. Den Charakteren fehlte irgendetwas, am meisten Robin: Ihre Gedanken und Gefühle erschienen mir so unrealistisch, so „ausgedacht“ und ich habe tatsächlich überlegt, ob das die Vorstellung eines erwachsenen Mannes vom „Innenleben“ eines jungen Mädchens ist. Nein, das war nichts.

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