Konzertbesuch und die Probleme der anderen

Die dritte Woche des neuen Jahres geht zu Ende und irgendwie laufen die Tage immer mehr ineinander über. Gleichzeitig scheint die Zeit total schnell zu vergehen, was mir einerseits unlogisch erscheint, andererseits aber doch auch sehr angenehm ist, zumal es gerade in dieser Situation, in der wir uns gerade befinden, sich auch ganz anders anfühlen könnte.

In dieser Woche war ich bei einem Konzert. Besser gesagt, das Konzert war bei mir. In meinem Wohnzimmer. Kuschelsocken an, Füße hoch, Weinglas in der Hand, Laptop anschalten und los ging es. Für 8 Pfund saß ich im eigenen Wohnzimmer in der ersten Reihe beim Konzert von David Hunter in der „Leave a Light On“-Konzertreihe von Lambert Jackson Productions: Etwa einstündige Konzerte von britischen Musicaldarstellern und -sängern, die diese zuhause aufnehmen und die dann zu einer bestimmten Zeit gestreamt werden.

‚Save the arts‘ – ich hatte im letzten Frühjahr schon darüber geschrieben, dass ich es sehr genieße, auf diesem Weg an Konzerten, Musicals und Theaterstücken teilhaben zu können, die ich ganz live wohl nie würde sehen können. Da zahle ich dann auch gerne meinen Obolus und freue mich zum Beispiel auch darüber, dass das National Theatre mittlerweile auch keine Inhalte mehr kostenlos auf YouTube einstellt, sondern ein eigenes Streamingportal eingerichtet hat, in dem man entweder monatliche Abos abschließen oder einzelne Produktionen und Stücke „mieten“ kann. Tatsächlich habe ich bisher noch an keinem solchen Angebot aus Deutschland partizipiert, obwohl natürlich viele Konzerte und Schauspielhäuser auch hier in Dortmund und Umgebung Ähnliches anbieten. Dort gehe ich aber tatsächlich nach Corona auch gern mal wieder hin – in’s West End komme ich nicht so schnell und günstig.

Wenn ich überlege, wen die Beschränkungen und Maßnahmen am schwersten treffen, fallen mir tatsächlich alle Kulturschaffenden, Freiberufler auf, vor und hinter den Bühnen mit als erstes ein. Ich weiß aber natürlich, dass es daneben auch noch viele andere Berufe und Branchen und Personengruppen gibt, für die die aktuelle Situation unglaublich schwierig ist. Von mir selbst denke ich eigentlich, dass ich ganz gut durch diese Zeit komme und mich eigentlich nicht beklagen darf: Ich habe einen Job und verdiene Geld, habe eine Wohnung, in der ich mich sehr wohl fühle, und bin gesund. Meine Kontakte beschränken sich allerdings auch komplett auf die Arbeit und ab und an finde ich es auch ein wenig einsam in meiner Wohnung.

Diese Woche habe ich vermehrt wahrgenommen, wie auf viele Äußerungen von Menschen, dass die aktuelle Situation für sie aus bestimmten Gründen anstrengend sei, geantwortet wurde mit „aber hier, mir geht es doch viel schlimmer“. Mensch Leute – niemand (oder wohl nur sehr wenige) würden sagen, dass sie gerade zufrieden und glücklich sind damit, wie es läuft. Egal ob Familie mit zwei berufstätigen Eltern und (kleinen) Kindern, die betreut und/beschult werden müssen, ob Schüler:innen in Abschlussklassen, Student:innen in Online-Semestern, alleinstehende junge Erwachsene oder (alleinstehende) Senioren – für uns alle ist es ungewohnt und anstrengend. (Und da schaue ich noch nicht auf bestimmte Berufsgruppen, die tagtäglich in ihrem Job mit der Pandemie konfrontiert werden). Das Wetter tut sein Übriges. Aber warum muss man auf Äußerungen von anderen immer mit „mir geht’s schlechter“ reagieren, warum die Probleme der anderen immer mit den eigenen zu übertrumpfen versuchen? Warum nicht anerkennen, dass jeder und jede ein eigenes Empfinden hat und ein Recht, das auch einfach mal zu äußern!? Sowas will mir nicht in den Kopf…

Gestern Abend, am Samstag, habe ich einen Film geschaut: One Night in Miami basiert auf dem gleichnamigen Stück von Kemp Powers und dreht sich um ein fiktives Treffen von Malcom X, Cassius Clay/Muhammad Ali, Football-Spieler Jim Brown und Sänger Sam Cooke im Jahr 1964; in der Nacht, nachdem Clay zum ersten Mal Weltmeister geworden ist. Die ersten etwa 50 Minuten lief der Film so vor sich hin und dann packte er mich: Die Gespräche der vier Freunde wurden tiefgreifender, in zum Teil hitzigen Diskussionen und Auseinandersetzungen werden die unterschiedlichen Arten des Umgangs der Männer mit der Bürgerrechtsbewegung und dem Kampf um Gleichberechtigung in den USA deutlich. Vor allem Malcom X und Sam Cooke geraten aneinander; Cassius verkündet seinen Übertritt zum Islam, Jim Brown überlegt, mit dem Football zugunsten einer Karriere als Filmschauspieler aufzuhören. „Powerful“ war das Wort, das mir anschließend zum Film einfiel und für das ich keine deutsche Entsprechung finde, die genau das ausdrückt.

Malcom X und Cassius Clay waren mir schon vor dem Film ein Begriff, den ich eigentlich vor allem wegen Leslie Odom Jr. in der Rolle von Sam Cooke sehen wollte. Sam Cooke wiederum kannte ich noch nicht – oder dachte ich zumindest, bis ich nach dem Filmende mal seine Diskografie auf Spotify durchblätterte: Ein Lied nach dem anderen fand ich da, das ich sehr wohl kannte – nur nicht im Original. Die meisten waren mir von Cover-Versionen weißer Musiker bekannt, ob Elvis oder die Beatles. Nun erzählt Cooke selbst im Film, dass er Anfragen von (weißen) Bands, Lieder zu covern, an denen er die Rechte hat, sehr befürwortet (das im Film genannte Beispiel ist „It’s All Over Now“ von den Valentinos, das in der Version von den Rolling Stones auf Platz 1 der Charts aufstieg), weil es („weißes“) Geld in seine Kasse spülte, aber irgendwie hat mir das auch sehr zu denken gegeben.

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