Wer streamt, der bleibt…

Oder: Der Platz in der ersten Reihe im eigenen Wohnzimmer. Seit dem Beginn des Lockdowns, der keiner ist, hat die Welt das Internet entdeckt. So scheint es jedenfalls. Jeder, der etwas zu verkünden, anzubieten oder vorzuführen hat, tut das nun im Netz. Vom Schulunterricht über Gottesdienste bis hin zu Theateraufführungen, alles ist jetzt online. Dabei lassen sich einige wirkliche Schätze finden und einiges von dem, was mir gefällt oder was ich nutze, möchte ich hier teilen.

Nein, zum Schulunterricht sage ich hier nichts weiter, das war einfach nur ein Beispiel von vielem, was jetzt (mehr oder weniger) digitalisiert abläuft. Auch Diskussionen über digitale Kirche möchte ich an dieser Stelle nicht vertiefen. Diese geschehen an anderen Stellen und das ist gut und wichtig. Genauso wie es meiner Meinung nach richtig war und ist, dass viele Akteure in Kirche, von einzelnen Personen über Kirchengemeinde und -kreise jetzt – vielleicht eher gezwungenermaßen als lange geplant – den (einen weiteren) Schritt in’s Internet und/oder die sozialen Medien gegangen sind. Ich bin gespannt, was davon bleibt (ich nehme jedenfalls wahr, dass die große, teils überwältigende Fülle von Online-Angeboten seit Ostern schon wieder deutlich zurückgegangen ist). Ob es irgendwann Analysen, Auswertungen, Bewertungen der Angebote gibt. Ob eine Professionalisierung stattfinden wird. Oder doch „nach Corona“ die meisten zur Tagesordnung zurückkehren werden.

Persönlich habe ich in dieser Zeit feststellen können, dass ich wohl kein Typ für Online-Gottesdienste bin. Ich habe Gottesdienste vor allem an Ostern zwar vermisst, aber das hat mich nicht bewogen, einen der vielen, im Netz verfügbaren, mitzufeiern. Zum Gottesdienst gehört für mich das Erlebnis dazu: In der Kirche sitzen, andere Menschen treffen, Musik hören, singen, beten. Zuhause vor dem Bildschirm (ich hab es ja mal testweise versucht), ist mir schon das Orgelvorspiel zu lang, die Stille zu leise und ich bin ständig versucht vorzuspulen. Wenige Ausnahmen gibt es da, wo tatsächlich auch das Format Gottesdienst an das Medium Video/Internet angepasst wurde.

Aber ich wollte ja nicht über digitale Kirche schreiben. Denn wie eingangs gesagt: Jeder, für den es nur irgendwie möglich ist, verlegt seine Angebote ins Netz. Aufgrund meiner Interessen fällt mir das besonders im Kulturbereich auf und bringt mir tatsächlich auch ungeahnte Vorteile. Denn das gilt nicht nur für Einrichtungen, die ich im Nicht-Corona-Fall auch live besuchen kann, sondern auch für Spielstätten ganz woanders.

In Dortmund streamt das Konzerthaus, gemeinsam mit anderen Häusern in ganz Europa, jeden Abend auf Facebook ein Konzert. Dazwischen gibt es auch Live-Mitschnitte von Auftritten, die für diese Spielzeit geplant waren. Auch das Theater stellt Mitschnitte von Produktionen aus den vergangenen zehn Jahren für begrenzte Zeit online zur Verfügung. Ähnliches gibt es sicherlich auch von vielen anderen Kulturstätten in Deutschland, beispielhaft genannt bzw. verlinkt seien hier noch die Elbphilharmonie und die Oper am Rhein.

Noch viel spannender finde ich aber, dass mir jetzt zum Beispiel das National Theatre in London ermöglicht, ausgewählte Vorstellungen der letzten Jahre jeweils für eine Woche lang auf YouTube zu sehen. Immer donnerstags gibt es ein neues Stück: So habe ich schon „One Man, Two Guvnors“ mit dem brillianten James Corden gesehen oder „Twelfth Night“ mit einer weiblichen Malvolia. In dieser Woche gab es in meinem privaten Theatersaal im Wohnzimmer gleich zwei Mal „Frankenstein“: In der Inszenierung von 2011 wechselten sich Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller in der Rolle des Frankenstein und seiner Kreatur ab und nun gibt es noch bis Donnerstag, 20 Uhr (dt. Zeit) bzw. Freitag, 20 Uhr, beide Versionen auf YouTube zu sehen. Und ja, ich musste natürlich beide sehen.

Noch mehr Shakespeare gibt es vom Globe Theatre, das ebenfalls verschiedene Produktionen auf YouTUbe zur Verfügung stellt. Aktuell kann man dort „The Two Noble Kinsmen“ sehen, ab dem 11. Mai folgt „Macbeth“.

Jeden Freitagabend lässt Andrew Lloyd Webber unter dem Titel „The Shows Must Go On“ eines seiner Werke für 48 Stunden auf YouTube streamen. Nach „Joseph“, „Jesus Christ Superstar“ und einigen weiteren ist in dieser Woche „By Jeeves“ an der Reihe. A propos Musicals: Bei WhatsOnStage findet man eine stetig aktualisierte Liste mit Musicals, aber auch Theaterstücken, Opern und weiteren Aufführungen verschiedener Theater, die man online sehen kann.

Die meisten der genannten Einrichtungen bitten im Gegenzug für die Online-Aufführung um Spenden. Denn die Krise belastet nicht nur die Wirtschaft, was hinreichend und überall thematisiert wird, sondern auch Kulturstätten, die ihren Betrieb einstellen mussten. Und die Schauspieler und Sänger selbst sind oft noch schlechter dran. In Großbritannien unterstützt die Stiftung Acting For Others Beschäftigte am Theater. Daneben gibt es nun unter dem Namen „Leave A Light On“ Liveshows aus den Wohnzimmern von (durchaus auch hochkarätigen) Sängern und Schauspielern, für die man Tickets kaufen kann. Auf diese Weise sitzt man garantiert in der ersten Reihe – auf dem eigenen Sofa. Ich habe nun tatsächlich auch ein Ticket gekauft für den Stream eines aufgezeichneten Live-Auftritts im The Other Palace-Theater aus der Zeit kurz vor Corona: Im Februar habe ich mich noch schwarz geärgert, dass ich eben nicht spontan nach London fahren und das WestEnd besuchen kann – jetzt kommt es auf diese Weise zu mir nach Hause. Und das finde ich irgendwie schon ganz schön cool.

Die Welt wird dadurch gerade ein wenig kleiner. Oder vielleicht eher besser zugänglich. Es klappt eben in der Regel nicht, kurzfristig für eine Show nach England zu fliegen. Mich dafür am Abend vor den Laptop zu setzen, ist aber einfach. Ich genieße das sehr und hoffe, dass diese Form von Kulturarbeit, auch wenn sie –  weder für den Zuschauer und (aus finanzieller Sicht) wohl auch nicht für den Betreiber-  einen echten, realen Besuch nicht ersetzen kann, auch dann beibehalten wird, wenn Konzerthäuser und Theater irgendwann wieder öffnen können.

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