Les Misérables auf der Freilichtbühne Tecklenburg

Der Besuch auf der Freilichtbühne in Tecklenburg liegt jetzt schon über einen Monat zurück und eigentlich könnte ich mir diese Rezension jetzt auch schenken, denn damit kann ich jetzt auch niemanden mehr dazu bewegen, sich die Produktion anzuschauen – denn natürlich ist die Freilicht-Saison schon lange vorbei. Nichtsdestotrotz möchte ich dennoch wenigstens einige Zeilen schreiben und einige Eindrücke festhalten.

Tatsächlich war es eine der letzten Aufführungen von Les Misérables, die wir Anfang September gesehen haben. Aber ich hatte mir so fest vorgenommen, dieses Stück in Tecklenburg zu schauen, sobald ich erfahren hatte, dass es in diesem Jahr auf dem Programm stehen würde. Les Misérables – obwohl ich es bis dato noch in keinster Form, Fassung oder Sprache live gesehen hatte – ist definitiv eines meiner liebsten Musicals. Und dass die Tecklenburger Produktionen immer großartig sind, ist ja sowieso bekannt. Länger war ich nicht mehr dort gewesen, weil es entweder zeitlich nie gepasst hat oder mich die Stücke nicht so ansprachen. Aber für Les Mis musste einfach Zeit sein.

Ein Besuch auf der Freilichtbühne Tecklenburg ist ja allein wegen der Umgebung und der Stimmung etwas ganz Besonderes. Wenn man Glück mit dem Wetter hat – und bis auf ein paar wenige Regentropfen Mitte des ersten Aktes hatten wir das, es war warm und einfach ein schöner Spätsommerabend – ist allein die Kulisse in dieser alten Burgruine einen Besuch wert. (Den Rest des Jahres, wenn die Freilichtbühne geschlossen ist, kann man bei einem Bummel durch Tecklenburg übrigens auch munter über die Bühne spazieren (da lässt sich ganz wunderbar Fangen spielen) und in den „backstage Bereich“ schauen. Ebenfalls lohnenswert!)


Während der Saison kommt man nicht näher als so an die Bühne heran.

Dazu dann ein Stück wie Les Misérables, die großartigen Schauspieler und Sänger in den Hauptrollen und der wunderbare Chor, der zu einem guten Teil aus Laien besteht, ein klasse Orchester und so ein Abend ist nahezu perfekt.


Tecklenburg ist auch an sich einen Besuch wert.

Ich hatte etwas Sorge im Vorfeld, dass meine extrem hohen Erwartungen und Ansprüche an das Stück nicht erfüllt würden oder dass mich die deutschen Texte zu sehr irritieren/nerven/aufregen könnten, wo ich doch die englischen auswendig mitsprechen kann. Bei „Joseph“ vor ein paar Jahren hatte mich das tatsächlich etwas gestört, zumal da meiner Meinung nach in der Übersetzung viel (Sprach-)Witz verloren gegangen war. Natürlich ist das aber allein mein Problem und hat nichts mit der Produktion zu tun – und in diesem Fall war es einfach gar kein Problem. Ich konnte die deutschen Texte annehmen und verstehen, ohne ständig mit den mir vertrauten, englischen zu vergleichen. Vielleicht, weil es bei Les Mis eben viel mehr um die Inhalte, weniger um Ausdrücke und Witze geht. Vielleicht, weil die Musik einfach so großartig war, dass ich auf die Texte gar nicht so genau geachtet habe.

© Freilichtbühne Tecklenburg/Holger Bulk

Patrick Stanke ist ein Name, der vielen Musical-Fans und mittlerweile auch vielen Tecklenburg-Besuchern ein Begriff sein dürfte, denn er hat inzwischen schon viele Rollen dort gespielt. Stanke als Jean Valjean hatte eine ungeheure Ausdruckskraft und natürlich sowieso eine wunderbare Stimme. Sein Gegenpart, Inspektor Javert, war mit Kevin Tarte nicht minder gut besetzt. In dieser Art könnte ich jetzt alle Schauspieler und Schauspielerinnen aufzählen, die in eigenen Rollen zu sehen waren. Fantine, so eine berühmte Rolle, obwohl sie doch eigentlich so kurz nur zu sehen ist, gespielt von Milica Jovanovic, war herausragend. Die Thénardiers (Jens Janke und Bettina Meske) wie immer die Publikumslieblinge. Auch Enjolras, den ich ganz besonders mag (David Jakobs), und Marius (Florian Peters) wussten mehr als zu überzeugen, ebenso wie der Rest der Studenten. Ich bin ja nicht unbedingt so sehr für die emotional-bis-kitschigen Momente zu haben: „I Dreamed A Dream“ ist zu Recht ein unglaublich berühmtes Stück, aber meine liebsten Momente sind die Studenten-Szenen: „Red And Black“, „Do You Hear The People Sing“, „One Day More“ und das immer und auch in Tecklenburg sehr ergreifende „Empty Chairs At Empty Tables“. Vielleicht mag ich auch einfach gerne Revolutionäre.


© Freilichtbühne Tecklenburg/Holger Bulk

Cosette, in Tecklenburg gespielt von Daniela Braun, ist eine Rolle, mit der ich leider nie so richtig warm geworden bin bisher. Meine Heldin ist sowas von eindeutig Eponine, vielleicht weil sie mir vom Wesen deutlich ähnlicher ist als Cosette. Wenn überhaupt jemand aus der Besetzung ein bisschen abgefallen ist vom insgesamt unglaublich hohen Niveau, dann wäre das für mich leider Lasarah Sattler in der Rolle von Eponine. Auch hier kommt aber wieder der Punkt mit den hohen Ansprüchen: Ich kenne (wenn auch nicht live) in der Rolle vor allem Lea Salonga, Samantha Barks und Carrie Hope Fletcher und die sind vielleicht einfach noch einmal eine Klasse für sich. Bei Sattlers  „On My Own“ (ich kenne leider die deutschen Titel nicht) fehlte mir irgendwie etwas Gefühl, etwas Ausdruck, etwas Verzweiflung. Allerdings sollte man dazu sagen, dass das tatsächlich Meckern auf sehr hohem Niveau ist.


© Freilichtbühne Tecklenburg/Holger Bulk

Zu erwähnen sind auf jeden Fall noch die Kinder in den Rollen von Gavroche und der kleinen Eponine. Leider habe ich mir die Namen nicht notiert und die Rollen waren ja, wenn ich richtig informiert bin, vierfach besetzt. Die Kinder, die wir auf der Bühne gesehen haben, haben ihre Sache aber absolut super gemacht. Und nicht zuletzt trugen natürlich der große Chor und das Orchester zu der tollen Stimmung und Musik bei.

Wie jedes Mal auf der Freilichtbühne war ich auch dieses Mal wieder begeistert, wie die Kulisse der Burgruine immer wieder so toll genutzt und in das Bühnenbild integriert wurde. Durch einen Tipp im Vorhinein hatten wir uns Karten für die linke Seite besorgt, sodass der Selbstmord von Javert, der sich auf der rechten Seite, unterhalb des auf den Felsen aufgebauten Kreuzes, in den Tod stürzte, für uns gut sichtbar war. (Unverständlich ist mir noch immer, wie man an der Stelle und in der Szene nicht erkennen kann, dass ja, das ein Selbstmord war und der „Polizist“ danach tot war. Den Kommentaren um mich herum und beim Verlassen des Ortes konnte ich aber entnehmen, dass nicht alle das so ganz verstanden hatten). Die Choreografie orientierte sich ansonsten sehr an den aus London bekannten Mustern – kein Wunder, denn Cameron Mackintosh scheint diesbezüglich fest die Zügel in der Hand zu halten: Bühnenbild, Kostüme und sogar die Schauspieler mussten von ihm „genehmigt“ werden.


Einer der vielen Wege zu einem der vielen Parkplätze. Der Weg zur Bühne und später im Dunklen zurück trägt zu der besonderen Stimmung bei.

Wie eingangs bereits gesagt: Das Stück ist längst beendet, die Freilichtbühne hat die Winterpause eingeläutet. Ich kann mit diesem Text und meiner Begeisterung also niemanden mehr bewegen, sich das Stück anzusehen (nicht, dass es zusätzliche Werbung zu irgendeinem Zeitpunkt nötig gewesen wäre – im Gegenteil, es wurden Zusatzvorstellungen gespielt). Aber wer die Freilichtbühne noch nicht kennt oder vielleicht lange nicht mehr da war – ein Besuch lohnt sich immer und vielleicht ist es ja im nächsten Jahr mal wieder so weit.

Ich bin an diesem Abend (oder besser: Nacht) jedenfalls sehr glücklich und voller Musik im Kopf nach Hause gegangen. Und mit dem festen Vorsatz, öfter als alle paar Jahre auf die Freilichtbühne und überhaupt in’s Theater zu gehen.

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