Hilfe oder Selbstdarstellung?

Man könnte meinen, die Briten seien ein besonders spendenfreudiges Völkchen. Zweimal im Jahr gibt es dort eine große TV-Spendengala, die den Höhepunkt markiert von vielen Wochen, in denen zuvor auf allen Kanälen und mit allen Mitteln um Spenden geworben und die Bevölkerung zum Mitmachen animiert wird.

Ich erinnere mich noch daran, dass wir als Kinder auch gelegentlich solche Spendengalas im Fernsehen gesehen haben – ein „Herz für Kinder“? Genau weiß ich es nicht mehr. Hauptbestandteil dieser Shows schien zu sein, dass Promis im Studio an Telefonen saßen und Spendenanrufe von Bürgern entgegen nahmen – in der Hoffnung, dass mehr Menschen anrufen und spenden, wenn sie die Chance hatten, einige Minuten über das Telefon mit einer berühmten Schauspielerin oder einem bekannten Sportler zu sprechen.

So weit so gut. Tatsächlich habe ich auch schon einige der Comic Relief/Sport Relief-Shows (immer im März) und Children in Need-Sendungen (im November) im britischen TV gesehen. Aber seit einiger Zeit und insbesondere in diesem Jahr frage ich mich immer mehr, ob der Zweck – Spenden akquirieren – eigentlich alle Mittel heiligt.

In Großbritannien gibt man sich nicht damit zufrieden, dass Prominente Anrufe entgegen nehmen oder in Gegenden reisen, in denen die gespendeten Gelder für gute Zwecke eingesetzt werden, und Projekte vorstellen. Nein, dort machen sich die Promis wahlweise zum Affen oder unternehmen waghalsige challenges, oft sportliche Touren. Im November versuchte eine Gruppe von Promis, die ungerne schwammen oder zum Teil nicht richtig schwimmen konnten, für „Children In Need“ in 24 Stunden den Ärmelkanal zu durchschwimmen. In den letzten Tagen absolvierten drei Moderatoren von Radio 2 drei Triathlons in drei Tagen in drei verschiedenen britischen Städten.

Das wird natürlich alles bis ins Kleinste medial begleitet. Am Mittwochabend lief eine Sendung, die sieben Prominente dabei zeigte, wie sie in vier Tagen zu Fuß und auf dem Rad eine namibische Wüste durchquerten. Das wird dann umschrieben und beworben mit „Sport Relief’s most brutal challenge“. Die drei Hobby-Triathleten wurden nicht müde zu betonen, wie schrecklich („horrendous“) kalt das Wasser und das ganze Wetter war, wie erschöpft sie seien, etc. Auf Twitter kursieren Clips, die die Prominenten in Tränen aufgelöst zeigen, als sie zur Motivation Sprach-Nachrichten ihrer Liebsten anhören. Und im Radio wurden die „unglaublich mutigen“ Drei durch Wasserstandsmeldungen des aktuellen Spendenstands allen Hörern permanent in’s Gedächtnis gerufen.

Das mag sich jetzt alles sehr böse anhören. Natürlich finde ich es großartig, wenn sich Menschen für einen guten Zweck einsetzen. Aber wenn jemand, der sonst die Verkehrsnachrichten im Radio durchsagt, unter Tränen in eine Kamera spricht, dass der Kilometer, den er gerade schwimmend (bei zugegeben wirklich garstigem Wetter) in irgendeinem englischen Kanal zurückgelegt hat, die größte Herausforderung seines Lebens war, dann frage ich mich einfach zum einen, was davon noch „guter Zweck“ und was Selbstdarstellung ist. Niemand zwingt diese Menschen dazu, an diesen challenges teilzunehmen, aber solche Bilder schaden ihrer Karriere auch ganz sicher nicht.  Und zum anderen frage ich mich, was eigentlich mit uns „normalen“ Menschen falsch ist, wenn wir scheinbar eher bereit sind Geld zu spenden dafür, dass sich irgendwelche berühmten Menschen unseres Landes bei selbst auferlegten Herausforderungen körperlich verausgaben, als für den guten Zweck an sich.

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