Musik

Ohne Musik wäre ich wohl verrückt geworden. Ganz generell, schon immer, besonders aber in dieser Zeit, die so verrückt ist. Musik war auch diese Woche ganz besonders wichtig.

Ich habe (m)eine Version von „Carry You“ aufgenommen (das klingt professioneller, als es ist: Handy auf einem kleinen Stativ auf dem Bügelbrett neben dem Klavier aufgestellt, Video ab, und gespielt/gesungen). Das Lied begleitet und beschäftigt mich, seit ich es in der TV-Serie „Upright“ zum ersten Mal gehört habe. Es hat in den letzten 12 Monaten nochmal eine ganz besondere Bedeutung bekommen und es ist mir so wichtig geworden, dass ich mit meiner Hassliebe zur Liedbegleitung mit Akkorden (ich kann es einfach nicht – die Akkorde selbst sind nicht das Problem, aber ich weiß einfach nicht, was ich mit ihnen tun soll. Ich brauche Noten, so habe ich Klavierspielen gelernt und davon komme ich einfach nicht los) so lange gerungen habe, bis ich eine Version zusammengebracht habe, die einigermaßen annehmbar ist. Ich empfehle dennoch, auch und vor allem die Versionen von Tim Minchin und Missy Higgins (mit Bildern aus „Upright“) anzuhören, um sich in das Lied zu verlieben.

Außerdem habe ich mal wieder den Soundtrack zu „In The Heights“ gehört – passend zum Broadway-Jubiläum und zum zweiten Trailer der Film-Version (der doch heute rauskommen sollte, aber irgendwie noch nicht da ist?). „Breathe“ und die Zeile „Can you remind me of what it was like on top of the world“ („When You’re Home“) bleiben besonders bei mir hängen. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals wirklich „on top of the world“ gefühlt habe, aber gerade definitiv nicht. Diese Woche war lang und irgendwie schwierig, ich war (bin) müde (bedtime procrastination at its best) und schlapp, unruhig und unzufrieden und grässlich emotional. Das passt in ein Muster, das ich seit Anfang des Jahres beobachte, das sich alle vier Wochen wiederholt und von dem ich nicht weiß, ob es mir früher nur nie aufgefallen ist oder ob es tatsächlich erst seit irgendwann im letzten Jahr auftritt. Aber es hat natürlich auch mit der Gesamtsituation zu tun.

Ich bin gerade wirklich corona-müde und an einem Punkt, an dem ich mich manchmal entweder zurück in das Leben vor Corona oder in eine Zukunft nach Corona wünsche. Und ich will nicht hören, dass es kein Leben nach Corona gibt, dass wir mit dem Virus leben lernen müssen. Denn was mich müde macht, ist genau das, diese Version von „mit dem Virus leben“, die wir scheinbar gerade ausprobieren. Die aktuellen und geplanten Lockerungen machen mir fast ein wenig Angst, weil sie zwar möglicherweise Freiheit geben, aber mich auch zu Entscheidungen zwingen, zur Risikoabwägung. Weil ich mich damit auseinandersetzen muss, ob ich möglicherweise mittlerweile zu vorsichtig geworden bin.

Ich will all diese Dinge, die wohl die meisten Menschen (zurück) wollen: Mich mit Freunden treffen, in’s Café gehen, in’s Theater, in Konzerte. Ich will schwimmen gehen, mit anderen singen und Musik machen, ich will in den Urlaub fahren, ich will meine Oma umarmen, meine Tante und Onkel. Aber – und ja, das klingt jetzt wie ein bockiges Kind, aber so ist es nun mal – ich will all diese Dinge tun, ohne vorher überlegen zu müssen, ob es sicher ist. Das Risiko vertretbar ist. Ohne mich dafür zu entscheiden und dann doch Angst zu haben, ob es vielleicht ein Fehler war. Ich will diese Dinge nicht, weil irgendwelche Politiker meinen, es sei jetzt mal Zeit dafür, weil sie besorgt sind, wir würden sonst im September nicht für sie stimmen, während gleichzeitig die Zahlen wieder steigen. Ich bin eigentlich sehr für Eigenverantwortung, aber gerade ist es mir zu viel, alle diese Entscheidungen selbst treffen zu müssen, auch wenn mich das selbst wundert.

Wenn ich das höre, „can you remind me of what it was like on top of the world“, dann denke ich an die Zeit, in der wir uns mit dem allen noch nicht beschäftigen mussten. Die Zeit, die so lange noch gar nicht her ist, gerade mehr als ein Jahr. Als wir im Traum nicht daran dachten, dass neben Portemonnaie, Schlüssel und Handy eine Maske zu den Dingen gehört, die wir standardmäßig beim Verlassen des Hauses dabei haben. Als der Gedanke daran, Selbsttests für eine Krankheit im Discounter zu kaufen, und der Gedanke, dass Zutritt zu Räumen oder Veranstaltungen möglicherweise von Testergebnis oder Impfstatus abhängig ist, vielleicht in SciFi-/Horror-Filme gehörten, aber nicht in unsere Realität. Als nichts selbstverständlicher war als Bahn zu fahren, andere Menschen zur Begrüßung zu umarmen, Freitagabends zur Chorprobe zu gehen.

Naja. Während mir also all diese Dinge durch den Kopf gehen, habe ich Bananenbrot gebacken. ‚Das ist so 2020‘, aber es schmeckt halt trotzdem. Mit dicken Schoko-Stücken, nach dem Rezept von Mary Berry. Mehr ‚Lätare‘ („Freue dich“) war an diesem Wochenende nicht drin.

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